Archiv für Februar 2017

„… „Integration“ ist ein inflationär genutzter und kaum definierter Begriff“

Fachtag: Integration vor Ort – Willkommensinitiativen in Mittelsachsen – Dokumentation

Alle reden über Integration, was das ist und wie das funktioniert ist dabei oft nicht klar. „Willkommensbündnisse“ waren in den letzten beiden Jahren unverzichtbar bei Prozessen der Eingliederung Geflüchteter. Sie waren und sind Schnittstellen zwischen hauptamtlichen Stellen und Geflüchteten. Sie haben Arbeiten übernommen, die von staatlicher Seite hätten geleitstet werden müssen. Dieser reagierte zum Teil überhastet auf steigende Asylbewerber*innenzahlen, Stellen wurden geschaffen, Unterkünfte eröffnet. Die Strukturen mussten jedoch erst wachsen und die Akteur*innen in ihre Aufgaben hinein. Auch hier sprangen wiederum ehrenamtliche Helfer*innen ein.

Der Fachtag „Integration vor Ort – Willkommensinitiativen in Mittelsachsen“ wurde am 17.09.2016 durchgeführt. Ziel war es Willkommensinitiativen zusammenzubringen, Probleme dieser Initiativen aufzuzeigen und gemeinsam an der Verbesserung der Situation zu arbeiten. Ende des Jahres 2016 erschien die Dokumentation der Tagung, herausgegeben durch den Verein Treibhaus e.V..

Vorgestellt werden in der 30 Seiten starken Broschüre:
* die beteiligten Akteur*innen
* drei Inputreferate
* drei Workshops
* offene Fragen der Teilnehmenden.

Die Einleitung der Dokumentation, verfasst von Judith Schilling, zeichnet in kurzen Worten die Entwicklung der Debatten um steigende Asylbewerber*innenzahlen sowie die der Willkommensbündnisse nach. Auch auf einige Schwierigkeiten in der Arbeit der Bündnisse wird bereits eingegangen.

Der erste inhaltliche Beitrag dokumentiert den Vortrag der mittelsächsischen Ausländerbeauftragten Annett Schrenk. Er widmet sich „Zahlen und Fakten“ im Bereich des Themenkomplexes Asyl. Unterfüttert mit reichlich Zahlenmaterial beschreibt die Ausländerbeauftragte die Entwicklungen der Asylbewerber*innenzahlen im Landkreis Mittelsachsen. Auf mögliche Förderprogramme, die bei der Integration Geflüchteter helfen können, verweist Schrenk ebenfalls. Die jeweiligen Zuständigkeiten für verschiedenste Unterstützungen werden ebenfalls angeführt – Willkommensbündnisse haben oft ein Problem herauszufinden, wer für welche Belange zuständig ist. Herausforderungen, die von Annett Schrenk abschließend aufgeworfen werden, sind:
Aufenthaltsverstetigung von Flüchtlingen
* EU-Zuwanderung von Menschen in prekären Lebenslagen
* Arbeitsintegration von Geflüchteten.

Im zweiten inhaltlichen Beitrag wird auf den Vortrag von Judith Schilling vom Bündnis „Willkommen in Döbeln“ eingegangen. Schilling thematisiert zu Beginn die allgemeine Entwicklung der Willkommensbündnisse und des zivilgesellschaftlichen Engagements in Deutschland seit 2015, um in einem weiteren Schritt den Fokus auf die Region Mittelsachsen zu legen. Am Beispiel des Döbelner Willkommensbündnisses wird deutlich, welche Motivationen der Initiative zugrunde lagen. Jedoch werden auch Probleme deutlich, so beispielsweise das „Ausbrennen“ Ehrenamtlicher oder auch die oft schwierigen Beratungen, die von ehrenamtlichen Aktiven gestaltet werden mussten, da staatliche Einrichtungen fehlten. Auch wenn diese Probleme für das Beispiel Mittelsachsen angebracht wurden, sind sie doch auch symptomatisch für die in der Bundesrepublik agierenden Willkommensinitiativen. Aufgrund des Schwerpunkts des Vortrages – „Ehrenamt im Spannungsfeld“ – wurden Forderungen unter anderem an staatliche Institutionen gerichtet. Diese sind u.a.:
* Forcierung von Reflexions- und Weiterbildungsangeboten für Ehrenamtliche
* Einforderung der Verantwortlichkeit von Kommunen und Weiterbildungen in Verwaltungen und weiteren Institutionen bzgl. interkultureller Kompetenzen, Fremdsprachenkenntnisse etc.
* Verbesserung der landesweiten Strukturen und Vernetzung unter Einbeziehung aller Akteur*innen.

Christine Poppitz vom Jugendmigrationsdienst der Diakonie Rochlitz stellte im dritten Inputreferat die Situation der Flüchtlingssozialarbeit in Mittelsachsen vor. Einsteigend formulierte sie die Schnittstellenfunktion von Sozialarbeiter*innen, die in der Flüchtlingsberatung tätig sind. So sind diese oft Mittler*innen zwischen Geflüchteten, Ehrenamtlichen und staatlichen Institutionen. Weiterhin geht sie auf die Zielgruppen der Flüchtlingssozialarbeit ein, um im dritten Schritt die Aufgabengebiete dieses Bereiches der Sozialen Arbeit abzustecken (z.B. sozialpädagogische Beratung, Hilfestellung, Unterstützung bei Anträgen,…). Der Fokus solle dabei, laut Poppitz, auf der Umsetzung des eigenen Engagements, der Hilfe zur Selbsthilfe und dem Aufzeigen von Grenzen und Möglichkeiten des deutschen Asylsystems liegen. Anschließend werden Thesen vorgestellt, die zeigen, wann „Flüchtlingssozialarbeit […] professionelle soziale Arbeit“ ist. Am Ende ihres Beitrages werden von Poppitz Forderungen aufgestellt, die eine bessere Flüchtlingssozialarbeit bedingen würden. Diese sind:
* Berücksichtigung der anfallenden Fahrtkosten im ländlichen Raum
* Einsatz von Sprachmittler*innen im Haupt- und Ehrenamt
* Einbeziehung aller Migrant*innengruppen
* Optimierung der staatlichen Stellen und Nutzung der Fachkompetenz aller Partner*innen
* dezentrale und breit gefächerte Unterbringung.

Den zweiten Teil der Dokumentation nehmen die Kurzzusammenfassungen der einzelnen Workshops ein. Durchgeführt wurden Workshops zu den Themen:
* Verstehen und Verständnis – Sprachförderung durch ehrenamtliche Kurse – Kerstin Bender, Stiftung für die Internationalen Wochen gegen Rassismus
* Integration durch Austausch – von der Begegnung zur Patenschaft – Sven Böttger, Sprecher und Patenschaftskoordinator der Initiative Coswig – Ort der Vielfalt
* Teilhabe als Prozess – Einbindung Geflüchteter in Willkommensinitiativen – Franz Hammer/ Solvejg Höppner, Mobiles Beratungsteam des Kulturbüro Sachsen e.V.
Nach je einer kurzen Einleitung, die auf das jeweilige Workshop-Thema einstimmt, folgen stichpunktartig die Zusammenfassungen der Workshops.

Der von Kerstin Bender geleitete Workshop zur Sprachförderung in ehrenamtlichen Kursen widmete sich vor allem dem Erfahrungsaustausch der Teilnehmenden. So wurde auf die unterschiedlichsten Voraussetzungen der Sprachkursteilnehmer*innen sowie auf die Heterogenität der Kursteilnehmer*innen in Bezug auf ihren kulturellen und/ oder religiösen Background eingegangen. Offen blieb in diesem Workshop vor allem die Frage, wie mit Interkulturalität umgegangen werden kann. Ebenfalls wurde der Wunsch nach weiterem Austausch und einer Handreichung zur Durchführung von (ehrenamtlichen) Sprachkursen geäußert. Abschließend werden Förder- und Unterstützungsmöglichkeiten für ehrenamtliche Strukturen vorgestellt.
Im Workshop von Sven Böttger wurden mögliche Patenschaftskonzepte für Geflüchtete am Beispiel der Initiative „Coswig – Ort der Vielfalt“ vorgestellt. Zentrale Fragestellungen waren hier u.a.: Wo fängt eine Patenschaft an und wo hört sie auf? Wer ist wofür zuständig? Wo finde ich den richtigen Ansprechpartner? Als großes Manko wird die fehlende zentrale Vernetzung im Landkreis Mittelsachsen in Bezug auf Patenschaftsprojekte angesprochen, doch auch die „Unterbesetzung“ im Bereich der Flüchtlingssozialarbeit stellt ein Problem dar. Konkret wurde durch die Initiative „Coswig – Ort der Vielfalt“ eine Handreichung erstellt, die von anderen Patenschaftsinitiativen genutzt werden kann.
Der dritte Workshop von Franz Hammer und Solvejg Höppner ging der Frage nach, wie Geflüchtete in Willkommensinitiativen eingebunden werden können. Zentrale Frage war und ist: Wie kann die Einbindung in die (Bündnis-)Arbeit gelingen? Weiterhin wurde als zentrale Frage herausgestellt, ob es überhaupt möglich ist, auf Augenhöhe miteinander zu arbeiten. Hinweise, die im Workshop angebracht wurden, die eine bessere Einbindung forcieren könnten, waren u.a.:
* Die Wichtigkeit persönlicher Kontakte
* Das Individuum sollte in den Mittelpunkt rücken
* Treffen der Willkommensbündnisse sollten mehrsprachig abgehalten werden
* Die Bündnisteilnehmer*innen sollten sich und ihre Rollen ständig reflektieren

Offen blieben Fragen, wie beispielsweise, dass das eigene Rollenverständnis hinterfragt werden sollte und wie dies geschehen kann.

Den letzten Teil der Broschüre bilden die offenen Fragen und weiteren Verabredungen. Hier wird noch einmal deutlich, dass die Vernetzung der einzelnen Initiativen ein zentraler Punkt der weiteren Arbeit sein wird, dass die vorhandenen staatlichen Strukturen ausgebaut und professionalisiert werden müssen und dass eine gemeinsame Arbeit und Weiterentwicklung der Willkommensbündnisse ein zentraler Aspekt sein soll. Auch die Wiederholung einer Fachtagung als Ort des persönlichen und fachlichen Austauschs wurde von den Teilnehmenden gewünscht.

Neben den kurzen inhaltlichen Teilen werden in der Dokumentation auch einzelne Akteur*innen der Tagung und der Arbeit mit und für Geflüchtete in Mittelsachsen vorgestellt. Dadurch ist die Broschüre mehr als nur die Dokumentation einer Fachtagung, sondern kann von Aktiven in Willkommensbündnissen auch als ein kleines Adressbuch genutzt werden. Dadurch besteht für Aktive zumindest ein kleiner Überblick über die bereits vorhandenen Initiativen und deren Schwerpunkte. Auch für die Förderung eigener Projekte gibt die Broschüre den Aktiven Tipps an die Hand.

Kritisch anzumerken bleibt an dieser Stelle noch die Frage, warum keine Geflüchteten- Selbstorganisation einen aktiven Part übernommen hat. Jedoch lässt sich an dieser Stelle anführen, dass die Probleme Rassismus und Fremdenfeindlichkeit oder die Frage nach „Integration“ Probleme und Fragen sind, mit denen sich Personen der Mehrheitsgesellschaft beschäftigen müssen – vor allem um einer Forderung aus dem Workshop III gerecht zu werden, der ständigen Selbstreflexion von Aktiven in Willkommensbündnissen.

Auch wenn die Dokumentation die Teilnahme an diesem Fachtag nicht ersetzt, bietet sie doch einen guten Überblick über die behandelten Themen sowie die bestehenden Probleme und Fragestellungen der Aktiven in Willkommensbündnissen. Es bleibt zu hoffen, dass die angestrebte bessere Vernetzung durchgeführt wird. Auch eine Wiederholung der Fachtagung unter veränderten Rahmenbedingungen ist wünschenswert.

Die Broschüre zur Fachtagung kann beim Verein Treibhaus e.V. in Döbeln (Bahnhofstraße 56; 04720 Döbeln) bestellt oder auf der Internetseite www.treibhaus-doebeln.de heruntergeladen werden.




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